Tag 6 Honningsvåg

22. Januar 2020 - Mittwoch

Dieser Tag sollte in unseren persönlichen Geschichtsbüchern einen Eintrag erhalten. Von morgens sehr früh bis abends sehr spät war "Action" angesagt. Doch beginnen wir von vorne.

Bereits bei der Abfahrt in Skjervøy gestern spät abends war die See im Gebiet Loppa sehr ruppig und das Schiff "rollte" und stampfte durch das Wasser. Die Wellen schlugen seitlich bis fast zum Deck 5 hoch und es schaukelte dement-sprechend. Da halfen bei Annemarie nicht einmal mehr die Tabletten. Sie blieb in der Kabine als kurz vor 1 Uhr nachts "die Brücke" via die Bordanlage "Nordlichtalarm Heck und Steuerbord - aber bitte Vorsicht, die Wellen sind sehr hoch" auslöste. Dem war auch so. Alle die laufen konnten rannten nach draussen und hielten alles in die Luft was sie hatten. Fotoapparate, Smartphones, Tablets. Glücklich war, wer das Geländer erreichte und sich daran halten konnte. Das Erlebnis war gross, die fotografische Ausbeute mässig. Dennoch, der Grund hier zu sein waren ja auch die Nordlichter. Zurück im Innern des Schiffes, im Korridor,  die grosse Fragerei: "Hast du Fotos machen können?" Ich zeigte auf dem Display meine Resultate, die Einige begeisterten und sie den Display abfotografierten und sagten: "Jetzt habe ich auch ein Bild!" Nach einer knappen halben Stunde gab es nochmals Alarm mit etwa dem selben Resultat. Danach blieb es im Schiff ruhig. Ich denke, dass die verantwortlichen Offiziere bei diesem Wellengang kein Risiko für "Passagier über Bord" eingehen wollten.

Die Häfen Øksfjord und Hammerfest wurden bei Schlaf - oder dem was übrig blieb - angelaufen. Im Breidsundet in der Nähe von Havøysund war das Meeting mit der MS Polarlys. Das war so um halb Neun, in Dunkelheit mit ruppigem Seegang.

Im Hafen von Havøysund konnte der Kapitän auch nach mehreren Versuchen nicht anlegen. Der Wind und die Wellen drückten die "Richard With" in alle Richtungen, mal gegen die Quaimauern, mal nach hinten und mal vom Quai weg. Es blieb nichts anderes übrig als zu versuchen, den nächsten Hafen Honningsvåg anzulaufen. Wie die Wetterverhältnisse waren mögen die Bilder ein bisschen verdeutlichen. Das Bild links wurde 10 Uhr 20 aufgenommen, das Bild rechts, mit den Häusern, nur 2 Stunden später. Das Promenadendeck war so vereist, dass man sehr vorsichtig laufen musste.

Bereits jetzt wussten wir, dass die Exkursion zum Nordkap leider gestrichen werden musste. Alle Strassen in der Region waren gesperrt, ausser in den Dörfern. Die Enttäuschung war nicht nur bei uns gross, aber jeder der sich draussen bewegte realisierte, dass die Sicherheit vorging. Ich glaube nicht, dass die Busse bei diesen Windverhältnissen auf der schneebedeckten Strasse hätten fahren können und nicht fortgeweht worden wären. So blieb uns ein Landgang durch das Städtchen, welches der Verwaltungssitz der Gemeinde Nordkapp ist und eine bedeutende Fischereisiedlung auf der Insel Magerøya. Der grosse Gebäudekomplex, den man auf einigen Fotos sieht ist die Fischerei-hochschule.

Die Fotos links und rechts mögen etwas eigenartig erscheinen, ist trotz des schlechten Wetters und der sehr starken Winde auch blauer Himmel und sind fast hellbräunlich anmutende Wolken zu sehen. Das war das zweite Highlight des Tages. Wir kamen in den Genuss sogenannter Perlmuttwolken. Das Phänomen entsteht, wenn sehr starke Winde die Schneeflocken in sehr grosse Höhen hinauf-tragen. Durch das Brechen der Sonnenstrahlen erscheinen die Wolken dann perlmuttfarben. Dieses Ereignis soll nach Auskunft eines Meteorologen an Bord noch wesentlich seltener sein als die Nordlichter. Eine Freude dass wir das erleben durften. Den Anweisungen des Expeditionsteams folgend waren wir möglichst weit vom Ufer entfernt unterwegs. Die Windböen hätten einem beinahe umgeworfen. Deshalb entschieden wir uns, das Nordkapp-Museum zu besuchen. Da war es warm, windete nicht und überzeugte durch eine sehr hohe Qualität. Beeindruckend was da gezeigt wurde. Insbesondere der Wiederaufbau nach dem Abzug der Wehrmacht (Ende 1944) verlangte von der Bevölkerung alles ab. Da nur die Kirche von der Zerstörung verschont blieb wurde sie zu einer Bäckerei und zur Lebensmittelversorgung umfunktioniert.

Das Wetter änderte sich auch nach Beendigung des Landganges nicht. Wieder zurück auf dem Schiff bereiteten wir uns auf eine lange Zeit "open sea" vor. Fast 24 Stunden sind es durch die Barentsee von hier bis Kirkenes, dem Wendepunkt unserer Reise.

Die Zeit des Auslaufens verstrich und der Kapitän orientierte über die Bordlautsprecher, dass er bis 20 Uhr warte um in See zu stechen. Es sei eine kleine Wetterbesserung zu erwarten und er versuche bis Kirkenes durchzufahren. Die für heute vorgesehenen Häfen Kjøllefjord, Mehamn und Berlevåg waren "gestrichen". Das Nachtessen war noch mit wenig Wellen-bewegung im Hafen bevor dann die Abfahrt erfolgte.

Nun, wir waren gespannt was auf uns zukam. Das Essen war gut, aber in der Magengegend machte sich Unruhe bemerkbar.

Die Wellenbewegungen wurden heftig und heftiger, ehe wir uns irgendwie um Schlaf ringend niederlegten, allzeit bereit für den Sprung auf die Toilette.